7. juli - 30. dezember 2011 (verlängert bis Ende Mai 2012)
täglich von 8 - 18 uhr
im verwaltungstrakt der kantonale psychiatrischen klinik (KPK)
haus b, bienentalstrasse 7.CH- 4410 liestal
jubiläumskatalog: 10 jahre kunst in der psychiatrie
abweichung zu grunde der ordnung
zu den arbeiten von helen von burg, zvi szir 2010:
vertikal oder horizontal? das ist die erste entscheidung, dann kommen andere.
den streifengemälden von helen von burg liegt eine reihe von klaren entscheidungen zu grunde. eine malerei, die sich an hand von zwei parametern entwickelt: entscheidungen (format, grösse, malgrund, streifenrichtung, usw.) und wache, tastende empfindung oder wahrnehmung (genaue farben und töne, welche keine begründung brauchen und keinem klaren schema folgen können, geformte farbbeziehungen, intervalle, rhythmen). diesen zwei tonangebenden parametern schliesst sich ein ungeplantes element an, welches man zufall, unfall (handwerk oder geschicklichkeit) oder das verlassen des plans, bezeichnen kann; wir können es einfach spontanität nennen (wenn diese als «genauigkeit in lichtgeschwindigkeit» gedacht sein darf).
somit haben wir das hauptspannungsfeld, ein spiel zwischen konzept (klarer plan) und wahrnehmung (augenmass), in das sich eine «wilde karte» einmischt, eine mit einer ständig wechselnden rolle, die das spiel über die regeln hinaustreibt. die strenge des reduktionistischen, minimalen, wird von einem dritten überlistet, so dass es zu dem wird, was den bildern zu grunde liegt.
ja, der grund. unter der sichtbaren bildfläche – immer wieder sehr sichtbar, aber von dem gemalten fast nicht unterscheidbar – liegt etwas anderes. manchmal ein früheres gemälde, meistens, in der serie «rhythmus» fast ausschliesslich, textilien – vorgedruckter industrieller stoff, gestreift, der als farbe mitwirkt, wie gemaltes aussieht, und einen grundrhythmus des werks in sich birgt.
ein stoff, auf dem farben schon gedruckt sind, aber nicht mit kunst-sinn, sondern um zu kleidern, vorhängen, möbelbezügen und anderem verarbeitet zu werden. dem rein malerischen, abstrakten, den puristischen streifen, liegen andere streifen, nützliche readymade-streifen, zu grunde. diese werden mitgenommen, spielen mit, erscheinen als rhythmus, als wiederholung, als ausgangspunkt welcher farbigkeit, breite, richtung und form der streifen inspiriert. es liegt eine vorgegebene alltäglichkeit wie eine verlassene erinnerung in diesen werken, was eine «hauptrolle» in der formulierung des werkes spielt: es ist die primäre abweichung.
dem ganz auf sich gestellten gestaltungswillen des gegenstandslosen gemäldes kommt eine äussere, eine fremde farbigkeit entgegen, welche in die materie so imprägniert ist, dass sie als stofflicher grund des gemäldes dient. dieser stoffliche aspekt der farbigen textilien kommt da zum vorschein, wo krümmungen und abweichungen der streifen, welche durch das spannen auf den bildrahmen gewollt entstehen, sichtbar sind. als freche wellen tauchen die gekrümmten geraden hinter den strengen streifen auf – ein zufall, der mit dem plan flirtet.
die abweichung der readymade-streifen ist nur eine der abweichungen, die man bei den gemalten streifen entdecken kann. wo die strenge des designs auf das handwerk der malerin trifft, wo eine dosierte anstrengung «genau auf die linie aufzupassen» unternommen wird, beginnt das werk, über das optische hinaus, zwischen mechanischem und malerischen zu vibrieren.
farben, die auf farben treffen, überspringen das korsett der ordnung, um eine qualitative sinnliche erfahrung zu ermöglichen. das genau gemessene gerüst des bildes, die klarheit und die gleichmässigkeit stellen sich in den dienst des rhythmischen, des klingenden, des farbtanzes. wie in einem höfischen, geometrischen tanz dient die form der verpackung einer intensität, die sich nur stauen und steigern kann, wenn das gefäss fest genug ist. der streifenüberbau dient als verpackendes «geschenkpapier», um eine geballte optisch-seelisch energie entgegen zu bringen, ein geschenk das innerhalb seiner verpackung beunruhigend vibriert.
abweichung zu grunde der ordnung (pdf, 60 kb)
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